Die Abwracker by Hans-Olaf Henkel

Die Abwracker by Hans-Olaf Henkel

Author:Hans-Olaf Henkel
Language: deu
Format: epub
Publisher: Heyne Verlag
Published: 2010-06-05T16:00:00+00:00


Dass die Firma Continental, in deren Aufsichtsrat ich seit 1989 sitze, von der Krise getroffen und durchgeschüttelt wurde, ist allgemein bekannt. Mit ihren 133 000 Mitarbeitern in 36 Ländern ist die Continental AG, kurz Conti genannt, deutscher Marktführer in der Reifenproduktion und steht weltweit auf Platz vier. Ihr Umsatz betrug 2008 rund 24 Milliarden Euro. Der Konzern ist zweigeteilt: Einmal in die Rubber Group für Gummiprodukte, zu der auch ContiTech gehört, die 2004 die Hamburger Phoenix AG schluckte. Contis zweites Standbein ist die Automotive Group, in der vieles von dem hergestellt wird, was man beim Automobilbau braucht, von Elektronik, Sensorik, Sicherheits- und Bremssystemen bis zu Airbags und Armaturen. 2006 wurde die Automobilelektroniksparte von Motorola dazugekauft, im Juli 2007 von Siemens der führende Zulieferer für Automobilelektronik VDO.

Wie gesagt, die Ereignisse um Conti sind heute weitgehend bekannt, wenn auch nicht unbedingt jedem Leser. Zwar gebe ich bei der folgenden Beschreibung der Vorgänge keine Geheimnisse preis – das ist Aufsichtsräten gesetzlich untersagt -, ich will aber versuchen, Zusammenhänge aufzuzeigen, die vieles in ein neues Licht rücken dürften.

Dass ich im Conti-Aufsichtsrat sitze, mittlerweile als dienstältestes Mitglied, verdanke ich Alfred Herrhausen, der bis zu seiner Ermordung durch die RAF 1989 Deutschlands mächtigster Unternehmenschef war: Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank und zugleich Aufsichtsratsvorsitzender von Daimler-Benz. Ich mochte diesen sympathisch offenen Mann, dem man seine 58 Jahre nicht ansah.

Offenbar mochte er mich, den zehn Jahre jüngeren IBM-Deutschland-Chef, ebenfalls, denn er holte mich in mehrere einflussreiche Gremien. Als er mir 1988 auch einen Sitz im Mercedes-Aufsichtsrat anbot, lehnte ich allerdings ab, weil es sonst zu einer Überkreuzverflechtung gekommen wäre: Da mit Helmut Werner der Vorstandsvorsitzende der Mercedes AG im Aufsichtsrat der IBM saß, wäre mir als IBM-Chef die Aufgabe zugefallen, ihn ebenso zu kontrollieren wie er mich. Das schien mir – im Gegensatz zu den Herren Reich und von Tippelskirch dreizehn Jahre später – ordnungspolitisch falsch. Schweren Herzens sagte ich Herrhausen ab. »Dann kommen Sie doch stattdessen in den Aufsichtsrat der

DASA«, sagte er schlagfertig. Das war die »Daimler Benz Aero s pace Aktiengesellschaft«, also die Luft- und Raumfahrttochter von Daimler, die am Bau des Airbus, der Ariane-Rakete und verschiedener Forschungssatelliten beteiligt war. Noch heute sitze ich im Aufsichtsrat der Nachfolgefirma der Luft- und Raumfahrt-Holding von Daimler.

Kaum hatte ich meinen Sessel bei der DASA eingenommen, kam Herrhausen wieder auf mich zu. »Was halten Sie davon, lieber Henkel, in den Aufsichtsrat der Continental zu kommen?« Da er selbst Aufsichtsratsvorsitzender dieses großen Reifenherstellers und Autozulieferers war, sagte ich gern zu und nahm bei meiner ersten Aufsichtsratssitzung überrascht zur Kenntnis, dass er mich, ohne mich vorher gefragt zu haben, gleich ins Conti-Präsidium wählen ließ. Da man in mir nur den »Statthalter einer amerikanischen Firma« sah, löste das bei manchen Vertretern der Kapitalseite Stirnrunzeln aus.

Schon kurz nach meinem Eintritt in den Aufsichtsrat machte ich eine Erfahrung, die mir bis dahin unbekannt geblieben war. Um ein Haar wäre es nämlich zu einer »feindlichen Übernahme« gekommen – und noch dazu, was mir kaum vorstellbar schien, durch eine viel kleinere Firma. Es war der italienische Reifenhersteller Pirelli,



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